Um 17:10 Uhr lag Mias rosa Babydecke auf dem Boden des Wäschelagers. Lena Berger blieb so abrupt stehen, dass der Stapel frisch gefalteter Servietten in ihren Armen verrutschte. Für einen Moment starrte sie nur auf den kleinen Stofffetzen zwischen den weißen Wäschekisten. Dann fiel ihr Blick auf die geöffnete Tür des Nebenraums.
„Mia?“
Keine Antwort.
Natürlich konnte ihre acht Monate alte Tochter nicht antworten. Trotzdem rief Lena ihren Namen noch einmal, diesmal lauter. Sie stellte die Servietten ab, lief zu dem kleinen Personalraum, in dem Mia vor wenigen Minuten noch friedlich in ihrem Reisebett geschlafen hatte, und spürte sofort, wie ihr Herz schneller schlug.
Das Bett war leer.
Lena arbeitete seit fast zwei Jahren im Hamburger Luxushotel Falkenhaus. Normalerweise kam Mia niemals mit zur Arbeit. Doch an diesem Nachmittag war ihre Betreuung kurzfristig ausgefallen. Ihre Schichtleiterin Verena Hartmann hatte widerwillig erlaubt, das Baby für einige Stunden in einem abgeschlossenen Personalbereich unterzubringen.
Lena hatte zweimal nach ihrer Tochter gesehen.
Beide Male hatte Mia geschlafen.
Jetzt war sie verschwunden.
„Suchst du etwas?“
Lena drehte sich um. Verena stand am Ende des Korridors, die Arme vor der dunklen Uniformjacke verschränkt.
„Mia ist nicht da.“
Verena zog die Augenbrauen hoch. „Du meinst, dein Kind ist verschwunden?“
„Sie war im Personalraum. Die Tür war geschlossen.“
„Lena, ein Baby verschwindet nicht einfach.“
Ihre Stimme war laut genug, dass zwei Küchenmitarbeiter ihre Arbeit unterbrachen.
„Eine Mutter, die ihr Kind unbeaufsichtigt zwischen Lagerräumen schlafen lässt, muss sich nicht wundern, wenn etwas passiert.“
Lena spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
„Ich habe sie nicht im Lager gelassen.“
„Das kannst du Herrn Falkenberg erklären.“
Bei diesem Namen wurde es im Korridor still.
Konrad Falkenberg gehörte das Hotel. Außerdem besaß seine Unternehmensgruppe mehrere Restaurants und kleinere Hotels in deutschen Großstädten. Mitarbeiter erzählten sich, er müsse niemals laut werden, um jemanden einzuschüchtern. Eine einzige ruhige Frage von ihm reiche aus, damit selbst erfahrene Manager plötzlich nervös würden.
Doch Lena dachte nicht an ihren Arbeitsplatz.
Sie dachte nur an Mia.
Sie suchte hinter jeder Tür. Im Vorratsraum. In der Küche. Neben den Getränkekisten. Sogar unter Regalen, obwohl dort offensichtlich kein Platz für ein Baby war.
Dann entdeckte sie etwas auf dem Boden.
Eine gelbe Plastikrassel.
Mias Rassel.
Sie lag auf der ersten Stufe einer schmalen Treppe, die zum privaten Büro des Hotelbesitzers führte.
„Geh da nicht runter“, sagte Verena hinter ihr.
Lena blieb stehen.
Es war nicht der Satz, der sie beunruhigte. Es war Verenas Stimme.
Zum ersten Mal klang ihre Vorgesetzte nicht überlegen.
Sie klang ängstlich.
Lena nahm die Rassel und ging die Treppe hinunter.
„Lena!“
Sie ignorierte Verena.
Unten stand eine dunkle Holztür offen. Dahinter lag Falkenbergs privates Büro, ein eleganter Raum mit dunklem Schreibtisch, Ledersesseln und mehreren Sicherheitsmonitoren an der Wand.
Und dort saß Konrad Falkenberg.
Mia schlief an seiner Brust.
Lena blieb im Türrahmen stehen.
Der sonst makellos gekleidete Unternehmer hatte sein Jackett abgelegt. Seine Krawatte war gelockert. Mit einer Hand stützte er vorsichtig Mias Rücken, während das Baby die Wange an sein Hemd gedrückt hatte.
Konrad sah Lena an.
„Sie sind ihre Mutter.“
„Ja.“ Lena machte einen Schritt nach vorn. „Bitte. Geben Sie sie mir. Ich weiß nicht, wie sie hierhergekommen ist. Ich habe sie oben schlafen lassen. Ich habe nach ihr gesehen. Zweimal. Sie können mich entlassen, aber bitte geben Sie mir meine Tochter.“
„Setzen Sie sich.“
„Ich will nur Mia.“
„Und ich möchte wissen, wer sie hierhergebracht hat.“
Lena verstummte.
Konrad deutete auf den Sessel gegenüber.
„Sie zittern.“
Er hatte recht.
Lena setzte sich langsam.
Mia öffnete kurz die Augen, erkannte ihre Mutter und bewegte die kleine Hand. Sie wirkte vollkommen ruhig.
„Ich habe sie auf der Treppe gefunden“, erklärte Konrad. „Sie saß dort nicht allein. Jemand muss sie heruntergebracht haben.“
Die Aufnahme
Konrad drehte einen der Monitore.
„Das Sicherheitssystem zeichnet die Servicekorridore auf.“
Auf dem Bildschirm erschien der Flur vor dem Wäschelager. Ein Zeitstempel lief in der Ecke, doch Lena achtete kaum darauf. Sie sah Verena.
Ihre Vorgesetzte stand vor dem Personalraum.
Neben ihr war eine zweite Mitarbeiterin.
Das Bild wechselte.
Die zweite Frau trug Mia auf dem Arm.
Lena griff nach der Sessellehne.
„Was macht sie da?“
Konrad hielt die Aufnahme an.
„Das versuche ich ebenfalls herauszufinden.“
Oben auf der Treppe erschien Verena.
„Herr Falkenberg, das ist nicht das, wonach es aussieht.“
Konrad hob nicht einmal die Stimme.
„Dann erklären Sie es.“
Verena kam langsam herunter.
„Lena hat das Kind mitgebracht. Ich wollte verhindern, dass etwas passiert.“
„Indem Sie es aus einem verschlossenen Raum nehmen lassen?“
Verena antwortete nicht.
Konrad öffnete eine zweite Datei.
„Mein Sicherheitsleiter hat in den vergangenen Wochen ungewöhnliche Zugriffe auf interne Dienstpläne bemerkt. Ihre Zugangsdaten wurden mehrfach verwendet.“
Auf dem Bildschirm erschienen Nachrichten und Überweisungen.
Lena erkannte einen Namen.
Winterfeld.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Dorothea Winterfeld war Mias Großmutter väterlicherseits. Seit Lena sich von ihrem Sohn Jonas getrennt hatte, hatte Dorothea nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Lena für ungeeignet hielt.
„Ein Kind braucht Stabilität“, hatte sie einmal gesagt. „Und Stabilität hat ihren Preis.“
Lena hatte damals geglaubt, es sei nur eine herablassende Bemerkung gewesen.
Jetzt sah sie Zahlungen an Verena.
„Was bedeutet das?“
Konrad antwortete vorsichtig.
„Es bedeutet, dass Frau Hartmann Geld erhalten hat. Und dass jemand versucht hat, Situationen zu erzeugen, die Sie als verantwortungslose Mutter erscheinen lassen.“
Verena wurde blass.
„Niemand wollte dem Kind etwas tun.“
Lena stand auf.
„Du hast meine Tochter aus dem Zimmer holen lassen?“
„Es sollte nur so aussehen, als hättest du sie allein gelassen.“
„Warum?“
Verena senkte den Blick.
„Weil ich Geld brauchte.“
Die Antwort war leise.
Fast enttäuschend gewöhnlich.
Konrad nahm sein Telefon vom Schreibtisch.
„Sie arbeiten ab sofort nicht mehr in diesem Haus.“
Verena hob den Kopf. „Sie können doch nicht—“
„Doch.“
Nur dieses eine Wort.
Dann wandte er sich wieder Lena zu.
„Sie dagegen werden heute nicht entlassen.“
Lena konnte kaum reagieren.
Konrad stand auf und legte Mia vorsichtig in ihre Arme.
In dem Moment, in dem Lena ihre Tochter an sich drückte, löste sich die Spannung der letzten Minuten. Mia griff nach dem Kragen ihrer Uniform und machte ein leises, zufriedenes Geräusch.
Lena schloss die Augen.
Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Ich dachte, ich hätte sie verloren.“
„Das haben Sie nicht“, sagte Konrad.
Was danach geschah
Noch am selben Abend sicherte die Hotelverwaltung sämtliche relevanten Aufzeichnungen. Die zweite Mitarbeiterin erklärte, Verena habe ihr gesagt, sie solle Mia zu Lena bringen. Sie habe das Baby auf der Treppe abgesetzt, nachdem Verena behauptet hatte, Lena werde dort gleich erscheinen.
Erst später habe sie begriffen, dass die Situation absichtlich inszeniert worden war.
Am folgenden Morgen erhielt Lena




